Das Wichtigste in Kürze
- Das Abitur ist zum größeren Teil das Ergebnis der zwei Jahre Qualifikationsphase, nicht der Prüfungswoche.
- Nordrhein-Westfalen veröffentlicht die inhaltlichen Vorgaben für jedes Fach Jahre im Voraus. Kaum jemand liest sie, dabei sind sie die genaueste Lernliste, die es gibt.
- Die Einführungsphase ist das letzte Jahr, in dem sich eine Lücke schließen lässt, ohne dass die Note mitzählt.
- Der häufigste vermeidbare Punktverlust hat nichts mit dem Fach zu tun, sondern mit der Aufgabenstellung.
Der erste G9-Jahrgang steht jetzt in der Oberstufe
Nordrhein-Westfalen hat seine Gymnasien zum Schuljahr 2019/2020 auf den neunjährigen Bildungsgang umgestellt, begonnen in den Jahrgangsstufen 5 und 6. Der erste Jahrgang, der diesen Weg vollständig gegangen ist, schließt regulär mit dem Abitur 2027 ab. Wer heute in der Qualifikationsphase eines Gymnasiums sitzt, gehört also zu den ersten, für die wieder dreizehn Jahre gelten.
Praktisch heißt das vor allem eines: es ist ein Jahr mehr Zeit da als bei den Jahrgängen davor, und dieses Jahr liegt in der Mittelstufe, nicht am Ende. Wer eine Lücke aus Klasse 8 mit in die Oberstufe nimmt, hat davon nichts. Wer sie vorher schließt, geht mit einem Vorsprung in die zwei Jahre, die zählen.
Was am Abitur wirklich zählt
In der Wahrnehmung ist das Abitur eine Prüfungswoche. Auf dem Zeugnis ist es etwas anderes: der größere Teil der Gesamtnote stammt aus den Halbjahresnoten der Qualifikationsphase, also aus zwei Jahren laufendem Unterricht, der kleinere aus den Prüfungen selbst. Wie genau gewichtet wird, steht in der Prüfungsordnung des Landes, und die Oberstufenkoordination Ihrer Schule rechnet es Ihnen auf Wunsch vor.
Diese Verteilung hat eine unangenehme und eine tröstliche Seite. Die unangenehme: wer erst im letzten Halbjahr aufwacht, kann nur noch einen kleinen Teil bewegen. Die tröstliche: eine einzelne misslungene Klausur entscheidet nichts, solange die Halbjahresnoten stimmen.
Dazu kommt die sonstige Mitarbeit, die auch in der Oberstufe neben den Klausuren steht und in einem Grundkurs ohne Klausur die gesamte Note ausmacht. Wer sich zwei Jahre lang nicht meldet, verschenkt einen Teil des Zeugnisses, für den er keine einzige Zeile schreiben müsste.
Die Vorgaben des Landes, die niemand liest
Die schriftlichen Aufgaben im Abitur werden in Nordrhein-Westfalen zentral gestellt: alle Schulen eines Jahrgangs schreiben dieselben Aufgaben. Damit das fair ist, veröffentlicht das Land vorab für jedes Fach und jeden Abiturjahrgang, welche Inhalte vorausgesetzt werden. Diese Vorgaben stehen Jahre im Voraus fest; während dieser Text entsteht, sind die Vorgaben für den Abiturjahrgang 2028 bereits veröffentlicht.
Das ist bemerkenswert und wird selten genutzt. Es gibt eine öffentliche, verbindliche Liste dessen, was in der eigenen Abiturprüfung an Inhalten vorausgesetzt wird, und die meisten Schülerinnen und Schüler haben sie nie gesehen. Wer sie ausdruckt und neben den eigenen Ordner legt, weiß sofort, welche Themen wirklich wichtig sind und welche nur im Unterricht vorkamen.
- Fach für Fach durchgehen und markieren, was sicher sitzt, was wackelt, was fehlt.
- Die wackligen Themen zuerst, nicht die fehlenden. Etwas halb Gekonntes ganz zu können ist schneller erledigt, als bei null anzufangen, und es zahlt genauso.
- Alles, was nicht auf der Liste steht, ist für die schriftliche Prüfung zweitrangig. Für die mündliche gelten andere Regeln, das klärt die Fachlehrkraft.
Ein Zeitplan über zwei Jahre
Einführungsphase: das Fundament, solange es nichts kostet
Die Noten der Einführungsphase gehen nicht in die Abiturnote ein. Das macht dieses Jahr wertvoll, nicht unwichtig: es ist der letzte Zeitraum, in dem sich eine Lücke aus der Mittelstufe schließen lässt, ohne dass ein Fehlversuch auf dem Zeugnis landet. In Mathematik ist die häufigste Ursache für eine schwache Klausur in der Analysis nicht die Analysis, sondern Termumformung aus Klasse 8. In den Sprachen ist es der Wortschatz, nicht die Grammatik.
Ende der Einführungsphase: die Leistungskurse wählen
Zwei Fächer bekommen mehr Stunden, höheren Anspruch und mehr Gewicht. Die Wahl lässt sich später kaum korrigieren und sollte deshalb nicht an der Sympathie für die Lehrkraft hängen, die in zwei Jahren vielleicht gar nicht mehr unterrichtet. Die brauchbareren Fragen sind: In welchem Fach lese ich freiwillig weiter? In welchem halte ich eine Doppelstunde durch, ohne auf die Uhr zu sehen? Und welche Kombination lässt mir für die Prüfungsfächer noch Auswahl?
Qualifikationsphase: jedes Halbjahr zählt einzeln
Ab hier wandert jede Halbjahresnote in die Rechnung. Das ändert die Arbeitsweise: es gibt keine schwachen Halbjahre mehr, die man später ausgleicht, sondern nur noch Halbjahre, die zählen. Wer in einem Fach absackt, sollte im laufenden Halbjahr reagieren und nicht im nächsten.
Letztes halbes Jahr: Formate statt Stoff
In den letzten Monaten lässt sich kein Fundament mehr bauen, aber sehr wohl Prüfungssicherheit. Alte Aufgaben unter echten Bedingungen schreiben, mit Uhr, am Stück, ohne Handy. Beim ersten Durchgang geht es nicht um das Ergebnis, sondern um drei Fragen: Wo geht Zeit verloren? Welche Aufgabentypen kosten Punkte? Welche Fehler wiederholen sich?
Der Fehler, der überall Punkte kostet
Jede Prüfungsaufgabe beginnt mit einem Verb, und dieses Verb ist eine Vorgabe, keine Formulierung. Nennen verlangt eine Aufzählung. Erläutern verlangt Zusammenhänge. Erörtern verlangt Argumente in beide Richtungen und ein begründetes Ergebnis. Wer erörtert, wo nur genannt werden sollte, verschenkt Zeit. Wer nennt, wo erörtert werden sollte, verliert Punkte trotz richtigem Wissen.
In den Fremdsprachen stehen diese Operatoren in der Zielsprache, und comment on, outline und discuss bedeuten nicht dasselbe wie ihre deutsche Alltagsübersetzung. Die Listen sind kurz, sie liegen den Fachlehrkräften vor, und sie durchzuarbeiten dauert eine halbe Stunde. Es ist die halbe Stunde mit dem besten Verhältnis von Aufwand zu Punkten in der ganzen Oberstufe.
Wann Unterstützung von außen etwas bringt
Ehrlich gesagt nicht immer. Sechs Wochen vor der Prüfung lässt sich Formattraining machen und ein Zeitgefühl aufbauen. Ein fehlendes Fundament aus der Mittelstufe lässt sich in sechs Wochen nicht nachholen, und wer das verspricht, verspricht zu viel.
Sinnvoll ist Unterstützung dort, wo sich zeigt, dass der aktuelle Stoff an etwas Älterem scheitert. Das erkennt man nicht am Zeugnis, sondern an der korrigierten Klausur: stehen die Fehler beim eigentlichen Thema oder in den Zwischenschritten? Stecken sie in den Zwischenschritten, ist die Baustelle eine andere, als der Kurs gerade behandelt.