Das Wichtigste in Kürze
- Vokabeln bleiben nicht durch Menge hängen, sondern durch Abstand: dieselbe Zeit über mehrere Tage verteilt schlägt eine lange Sitzung deutlich.
- Sich selbst abfragen wirkt stärker als die Liste erneut zu lesen. Das fühlt sich schlechter an und ist nachweislich besser.
- Zwanzig Minuten täglich schlagen zwei Stunden am Sonntag, bei weniger Gesamtzeit.
- Eine App ersetzt die Methode nicht. Sie kann sie unterstützen, wenn sie in Abständen abfragt statt Listen anzuzeigen.
Warum die Liste am Vorabend nichts bringt
Fast alle lernen Vokabeln gleich: am Abend vor dem Test die Liste von oben nach unten durchlesen, ein paar Mal, bis sich alles vertraut anfühlt. Das Gefühl ist echt, es täuscht nur über etwas anderes hinweg. Vertrautheit entsteht schon dadurch, dass man ein Wort gerade gesehen hat. Ob man es in drei Tagen aus dem Gedächtnis holen kann, sagt sie nicht.
Genau dieser Unterschied ist gut untersucht. Roediger und Karpicke ließen 2006 zwei Gruppen denselben Text lernen: die eine las ihn mehrfach, die andere las ihn einmal und rief ihn danach aus dem Gedächtnis ab. Fünf Minuten später lag die Lesegruppe vorn, mit 83 gegen 71 Prozent. Eine Woche später hatte sich das Bild gedreht: die Abrufgruppe erinnerte 61 Prozent, die Lesegruppe 40. Wer für die Vokabelarbeit am nächsten Morgen lernt, hat mit der ersten Methode recht. Wer für die Klassenarbeit in zwei Wochen lernt, mit der zweiten.
Die zwei Handgriffe, die alles ändern
Erstens: abfragen statt ansehen
Die deutsche Seite abdecken, das englische Wort ansehen, die Übersetzung laut sagen oder aufschreiben, erst dann aufdecken. Das dauert länger je Wort und fühlt sich mühsamer an. Genau diese Mühe ist der Wirkstoff: ein Wort, das man aus dem Kopf geholt hat, ist beim nächsten Mal leichter zu holen. Ein Wort, das man nur wieder gelesen hat, nicht.
Zweitens: Abstände statt Blöcke
Dieselben sechzig Minuten wirken sehr unterschiedlich, je nachdem wie sie liegen. Am Stück am Vorabend ist die schwächste Verteilung. Drei Mal zwanzig Minuten an drei Tagen ist deutlich besser. Sechs Mal zehn Minuten über zwei Wochen ist am besten, und in dieser Aufteilung merkt man kaum, dass man lernt.
In einem großen Forschungsüberblick von 2013 haben Dunlosky und Kollegen zehn verbreitete Lerntechniken bewertet. Nur zwei bekamen die höchste Stufe: sich selbst abfragen und verteiltes Lernen. Genau diese beiden. Markieren und wiederholtes Durchlesen, die zwei beliebtesten Techniken überhaupt, landeten in der untersten Kategorie.
So sieht das in einer Woche aus
Angenommen, am Freitag steht eine Vokabelarbeit über vierzig Wörter an. Ein Plan, der trägt, sieht ungefähr so aus:
- Freitag davor, zehn Minuten: alle vierzig einmal durchgehen und in drei Stapel sortieren. Kann ich, wackelt, kenne ich nicht.
- Montag, zehn Minuten: nur die beiden hinteren Stapel abfragen. Was jetzt sitzt, wandert nach vorn.
- Mittwoch, zehn Minuten: wieder nur die hinteren Stapel, dazu einmal quer durch den vorderen.
- Donnerstag, zehn Minuten: alle vierzig in zufälliger Reihenfolge, laut, ohne Liste vor sich.
Das sind vierzig Minuten in einer Woche statt anderthalb Stunden am Donnerstagabend, und es hält länger. Der wichtigste Teil ist das Sortieren am Anfang: es verhindert, dass die Hälfte der Zeit in Wörter fließt, die längst sitzen.
Was bei Apps zu beachten ist
Vokabel-Apps können genau das, was von Hand mühsam ist: sie merken sich, welches Wort wann zuletzt richtig war, und legen es in wachsenden Abständen wieder vor. Wer eine App benutzt, sollte deshalb darauf achten, dass sie tatsächlich abfragt und wiedervorlegt, statt nur Listen und Bildkarten anzuzeigen.
Zwei Dinge können Apps nicht. Sie können nicht hören, ob jemand ein Wort aussprechen kann, und sie prüfen selten, ob es im Satz richtig benutzt wird. Beides fällt in der mündlichen Note und in der Textproduktion auf. Welche App die beste ist, sagen wir bewusst nicht: dazu kennen wir keine belastbare Untersuchung, und eine Empfehlung ohne Grundlage wäre eine Behauptung.
Wenn es an etwas anderem liegt
Manchmal ist die Methode nicht das Problem. Drei Muster kommen besonders häufig vor und brauchen jeweils etwas anderes.
- Die Vokabeln sitzen, der Text nicht. Dann fehlt nicht Wortschatz, sondern Satzbau und Zeitenfolge. Vokabeltraining bringt hier wenig.
- In der Abfrage klappt es, in der Arbeit nicht.Meist wurde nur in eine Richtung geübt. Wer immer vom Englischen ins Deutsche abfragt, kann das Wort erkennen, aber nicht abrufen.
- Es bleibt in jedem Fach nichts hängen. Dann geht es nicht um Vokabeln. Bevor mehr geübt wird, gehört geklärt, ob Schlaf, Konzentration oder etwas außerhalb der Schule im Weg steht.