Das Wichtigste in Kürze
- Die Einteilung in visuelle, auditive und andere Lerntypen ist in der Forschung nicht belegt.
- Geprüft wurde die These, dass Unterricht im passenden Format besser wirkt. Eine große Übersicht von 2008 fand dafür so gut wie keine Untersuchung mit dem nötigen Versuchsaufbau und keine, die sie stützt.
- Was stattdessen wirkt, hängt am Stoff, nicht am Kind: eine Landkarte gehört gezeichnet, ein Gedicht gehört gehört.
- Praktisch verliert man wenig, wenn man den Lerntyp vergisst, und gewinnt Zeit für die zwei Techniken, die belegt sind.
Woher die Idee kommt
Fast jede Familie kennt den Satz: mein Kind ist eben ein visueller Typ, es muss alles sehen. Oder ein auditiver, es lernt am besten, wenn man ihm etwas vorliest. Die Vorstellung ist einleuchtend und wohlwollend gemeint: Kinder sind verschieden, also lernen sie verschieden, also sollte Unterricht sich anpassen.
An dieser Kette stimmt der erste Teil. Kinder sind verschieden, und sie haben unterschiedliche Vorlieben, wie sie mit Stoff umgehen. Der Bruch liegt im letzten Schritt: aus einer Vorliebe folgt nicht, dass Lernen in diesem Format besser gelingt.
Was tatsächlich geprüft wurde
Die Fachzeitschrift Psychological Science in the Public Interest beauftragte 2008 vier Forscher damit, die Belege für Lernstiltests im Unterricht möglichst nüchtern zu prüfen. Die Arbeit von Pashler, McDaniel, Rohrer und Bjork ist bis heute der Bezugspunkt in dieser Frage.
Geprüft wurde die sogenannte Meshing-These: Unterricht wirkt am besten, wenn sein Format zur Vorliebe des Lernenden passt. Um das zu zeigen, reicht es nicht, Kinder zu befragen und dann alle gleich zu unterrichten. Man braucht einen bestimmten Aufbau: Kinder werden nach Vorliebe eingeteilt, dann bekommt ein Teil jeder Gruppe die passende und ein Teil die unpassende Form, und am Ende wird verglichen. Bestätigt wäre die These, wenn jede Gruppe mit ihrer eigenen Form besser abschneidet.
Das Ergebnis der Übersicht war ernüchternd. Die Literatur zu Lernstilen ist riesig, aber die allermeisten Untersuchungen benutzen diesen Aufbau gar nicht erst, und unter denen, die es tun, fanden die Autoren keine, die die These stützt. Es geht also nicht darum, dass die Belege dünn wären. Es geht darum, dass sie fehlen.
Warum sich der Gedanke trotzdem hält
Weil er sich richtig anfühlt und weil er niemandem wehtut. Eine Einteilung in Typen erklärt Misserfolg, ohne jemanden schlecht dastehen zu lassen: nicht mein Kind hat ein Problem, der Unterricht passt nur nicht zu seinem Typ. Das ist tröstlich. Es ist nur leider auch eine Sackgasse, weil daraus keine Handlung folgt, die etwas ändert.
Dazu kommt, dass Menschen ihre Vorlieben zuverlässig angeben können. Wer sagt, er lerne lieber mit Bildern, meint das ernst. Nur sagt das nichts darüber, womit er am meisten behält, und diese beiden Dinge auseinanderzuhalten fällt allen schwer, auch Erwachsenen.
Was die Form stattdessen bestimmt
Die brauchbarere Frage lautet nicht, welcher Typ ist mein Kind, sondern welche Form verlangt dieser Stoff. Und darauf gibt es ziemlich klare Antworten, die mit dem Kind nichts zu tun haben.
- Geografie und Anatomie sind räumlich. Sie gehören gezeichnet, von jedem, unabhängig von Vorliebe.
- Aussprache und Betonung sind hörbar. Sie gehören gehört und gesprochen, auch von jemandem, der sich für einen visuellen Typ hält.
- Vokabeln und Formeln sind Abruf. Sie gehören abgefragt, in Abständen, in beide Richtungen.
- Argumentation und Textanalyse sind Handwerk. Sie gehören geübt, indem man sie tut, nicht indem man liest, wie es geht.
Was Sie stattdessen tun können
Die zwei Techniken, die belegt sind
Statt Zeit in die Frage nach dem Typ zu stecken, lohnt sie sich bei zwei Techniken, die in der Forschung gut dastehen: sich selbst abfragen statt erneut lesen, und über mehrere Tage verteilen statt in einer Sitzung. Beide fühlen sich anstrengender an als Markieren und Wiederlesen, und beide wirken deutlich besser.
Vorlieben ernst nehmen, ohne sie zur Diagnose zu machen
Wenn Ihr Kind gern mit Farben und Skizzen arbeitet, gibt es keinen Grund, ihm das auszureden. Es hilft bei der Motivation, und Motivation ist nicht nichts. Der Unterschied ist, was man daraus schließt: eine Vorliebe ist ein Werkzeug, keine Erklärung dafür, warum ein Fach nicht läuft.
Bei der Ursache bleiben
Wenn Mathematik nicht läuft, liegt es fast nie am Format und fast immer an einer Voraussetzung, die fehlt. Die Frage lautet dann nicht, wie erkläre ich es anders, sondern was setzt diese Aufgabe voraus, und sitzt das. Diese Frage lässt sich an einer korrigierten Klassenarbeit beantworten, an einem Lernstiltest nicht.
Was der Befund nicht heißt
Er heißt nicht, dass alle gleich sind, und er heißt nicht, dass abwechslungsreicher Unterricht sinnlos wäre. Etwas gleichzeitig zu sehen, zu hören und selbst zu tun hilft fast allen, aber eben allen und nicht nur einem Typ. Er heißt auch nicht, dass Lehrkräfte etwas falsch machen, wenn sie von Lerntypen sprechen. Der Begriff ist seit Jahrzehnten in der Ausbildung verankert und meist gut gemeint.
Er heißt nur eines: wer bei einem schwachen Fach als Erstes den Lerntyp bestimmen lässt, verliert Zeit an eine Frage, deren Antwort nichts ändert. Die Zeit ist bei der Frage nach der fehlenden Voraussetzung besser aufgehoben.