Das Wichtigste in Kürze
- Eine Erörterung ist kein Meinungstext. Verlangt ist eine Position, die sich aus Gründen ergibt, und die Gründe werden bewertet.
- Der kleinste Baustein besteht aus drei Teilen: These, Begründung, Beispiel. Fehlt der mittlere, bleibt eine Behauptung übrig.
- Die lineare Form vertritt eine Seite, die dialektische wägt beide ab. Welche gefragt ist, steht im Verb der Aufgabenstellung.
- Die Gliederung vor dem ersten Satz kostet ein Viertel der Zeit und spart die Hälfte des Schreibens.
Was eine Erörterung verlangt
In der Inhaltsangabe war die eigene Meinung verboten. In der Erörterung ist sie plötzlich Pflicht, und viele Kinder machen den naheliegenden Fehler: Sie schreiben auf, was sie denken. Bewertet wird aber nicht die Meinung, sondern ihre Begründung. Zwei Schüler mit entgegengesetzten Positionen können beide die volle Punktzahl bekommen, und beide können durchfallen.
Damit ist die Erörterung die erste Textsorte, in der es nicht um richtig oder falsch geht, sondern um tragfähig oder nicht tragfähig. Das ist ungewohnt und für viele befreiend, sobald sie es einmal gehört haben. Es nimmt auch die Angst vor der falschen Seite: Es gibt keine.
Der kleinste Baustein: These, Begründung, Beispiel
Jeder Absatz im Hauptteil ist ein Argument, und jedes Argument besteht aus denselben drei Teilen. Wer sie durchzählt, findet die Lücke sofort.
- These. Ein Satz, der eine Behauptung aufstellt. Handys gehören in der Schule ausgeschaltet.
- Begründung. Der Satz mit dem weil. Er sagt, warum die These stimmt, und er ist der Teil, der die Punkte trägt.
- Beispiel oder Beleg. Der konkrete Fall, eine Beobachtung, eine Stelle aus dem Material. Er macht die Begründung anschaulich, aber er ersetzt sie nicht.
- Rückbezug. Ein Schlusssatz, der das Argument an die Ausgangsfrage zurückbindet. Er wirkt überflüssig und ist der Unterschied zwischen einer Sammlung und einem Text.
Die schnellste Selbstkontrolle für einen fertigen Hauptteil: In jedem Absatz einmal das Wort weil suchen. Absätze ohne weil sind keine Argumente, sondern Meinungen, und sie werden auch so bewertet.
Zwei Formen, und wann welche gefragt ist
Linear: eine Seite, steigernd geordnet
Die lineare Erörterung vertritt eine Richtung. Gefragt wird sie mit Formulierungen wie begründen Sie oder zeigen Sie auf. Die Argumente werden nicht in beliebiger Reihenfolge aufgeschrieben, sondern steigernd: das schwächste zuerst, das stärkste zuletzt. Der Grund ist einfach. Was am Ende steht, bleibt hängen.
Dialektisch: beide Seiten, dann eine Entscheidung
Die dialektische Erörterung stellt Pro und Kontra gegeneinander. Üblich sind zwei Bauweisen. In der Blockform kommt erst die eine Seite vollständig, dann die andere. In der Wechselform, oft Reißverschluss genannt, folgt auf jedes Argument sofort das Gegenargument. Die Blockform ist übersichtlicher und in der Schule die häufigere, die Wechselform wirkt lebendiger und ist schwerer sauber zu halten.
Die eigene Seite steht zuletzt
In der Blockform gilt eine Regel, die viel entscheidet: Die Seite, auf der man am Ende landet, kommt als zweite. Innerhalb der abgelehnten Seite steht das stärkste Argument am Anfang, innerhalb der eigenen am Schluss. So bewegt sich der Text sichtbar auf sein Ergebnis zu, statt es zu behaupten.
Wie streng Ihre Schule das handhabt, welche Form erwartet wird und ob Zwischenüberschriften erlaubt sind, sagt Ihnen die Fachlehrkraft. Was im Unterricht besprochen wurde, gilt im Zweifel vor dem, was hier steht.
Einleitung, Schluss und der Zeitplan dazwischen
Die Einleitung kommt zur Sache
Sie braucht einen Anlass und die Frage, sonst nichts. Ein aktueller Fall, eine Beobachtung aus dem Alltag, ein Satz aus dem Material, dann die Fragestellung so genau formuliert, dass klar ist, worüber gestritten wird. Sätze, die mit seit jeher oder in der heutigen Zeit beginnen, sind verlorene Zeilen. Sie sagen nichts und verraten, dass der Anfang schwerfiel.
Der Schluss antwortet
Der häufigste Schluss in Schulaufsätzen ist eine Zusammenfassung, und das ist der schwächste. Der Hauptteil hat schon gesagt, was er zu sagen hatte. Am Ende steht eine Antwort auf die Frage aus der Einleitung: eine klare Position, eine Position unter einer Bedingung, oder ein Ausblick darauf, was sich ändern müsste. Wer sich am Ende nicht entscheidet, verschenkt genau den Teil, für den es die Textsorte gibt.
Der Zeitplan
- Etwa ein Viertel für Stoffsammlung und Gliederung. Erst alles sammeln, was einem einfällt, dann streichen, dann ordnen.
- Gut die Hälfte für das Schreiben. Wer eine Gliederung hat, schreibt Absatz für Absatz und muss nicht mehr nachdenken, was als nächstes kommt.
- Der Rest für die Überarbeitung, und zwar gezielt: Steht in jedem Absatz eine Begründung? Steht die stärkste Stelle am Ende? Beantwortet der Schluss die Frage?
Für die dialektische Form hat sich eine geteilte Seite bewährt: links Pro, rechts Kontra, und zu jedem Stichwort auf der einen Seite wird geprüft, ob es auf der anderen eine Antwort gibt. Diese Tabelle ist die halbe Arbeit und dauert zehn Minuten.
Die Fehler, die zuverlässig Punkte kosten
- Aufzählung statt Argumentation: drei Behauptungen hintereinander, keine einzige begründet.
- Das Beispiel als Argument: eine Geschichte über den eigenen Bruder beweist nichts, sie veranschaulicht nur eine Begründung, die irgendwo stehen muss.
- Dasselbe Argument zweimal, in anderen Worten. Fällt beim Korrigieren sofort auf und wirkt wie ein leerer Absatz.
- Die Gegenseite nur in ihrer schwachen Fassung. Wer sich seine Gegner selbst baut, überzeugt niemanden. Das beste Gegenargument gehört in den Text, gerade wenn man es entkräften will.
- Zu früh Partei ergreifen. In der dialektischen Form gehört die Entscheidung in den Schluss und nicht in die Einleitung.
- Fehlende Überleitungen. Wörter wie zwar, demgegenüber, folglich und allerdings machen die Struktur sichtbar. Sie sind die billigsten Punkte im ganzen Aufsatz.
- Material, das nicht vorkommt. Liegt eine Textgrundlage bei, muss sie benutzt und belegt werden, sonst fehlt der halbe Auftrag.
Wann es nicht an der Erörterung liegt
Wenn Ihr Kind am Abendbrottisch klar begründet, warum es später ins Bett will, und vor dem leeren Blatt trotzdem nicht anfängt, fehlt nicht die Fähigkeit zu argumentieren. Dann ist es meistens die Angst, die falsche Seite zu wählen, oder das Gefühl, dass der erste Satz perfekt sein muss. Beides löst sich, wenn jemand einmal sagt, dass es keine falsche Seite gibt und dass der erste Satz zuletzt geschrieben werden darf.
Wenn die Stoffsammlung leer bleibt, ist das kein Deutschproblem, sondern ein Materialproblem. Zu Themen, von denen man nichts mitbekommen hat, fällt niemandem etwas ein. Zehn Minuten Nachrichten am Tag ändern das über Monate, und nichts anderes tut es.
Und diese Textsorte ist die einzige, die sich ohne Papier üben lässt. Nehmen Sie eine Frage aus dem Alltag, hören Sie sich die Meinung an und fragen Sie einmal nach dem weil, dann nach einem Beispiel. Wer das zwanzigmal gemacht hat, schreibt den Hauptteil von selbst.