Das Wichtigste in Kürze
- Das Deutsche hat eine Vergangenheit, das Englische mehrere. Deshalb gibt die Übersetzung bei der Wahl der Zeitform keine Auskunft.
- Simple past und present perfect unterscheiden sich nicht daran, wie lange etwas her ist, sondern daran, ob der Zeitraum abgeschlossen ist.
- Signalwörter sind eine Abkürzung und keine Regel. Sie funktionieren nur, weil sie den Zeitraum benennen.
- Wer die Formen sicher bildet und trotzdem die falsche wählt, hat kein Grammatikproblem, sondern ein Zuordnungsproblem. Das ist die bessere Nachricht.
Warum das Deutsche hier nicht weiterhilft
Ich habe ihn gestern gesehen und ich sah ihn gestern bedeuten im Deutschen dasselbe. Perfekt und Präteritum sind bei uns eine Frage des Stils und der Gegend, nicht der Bedeutung. Im Norden schreibt man eher ich sah, im Süden sagt man eher ich habe gesehen, gemeint ist derselbe Vorgang.
Im Englischen ist das anders. I saw him und I have seen him meinen nicht dasselbe, und der Unterschied ist keine Stilfrage, sondern eine Bedeutung. Genau deshalb scheitert das Verfahren, das im Deutschunterricht funktioniert: Wer den Satz übersetzt und dann die Zeitform sucht, die sich richtig anfühlt, befragt eine Sprache, die für beide englischen Formen nur eine einzige hat.
Das Ergebnis sieht man in jeder korrigierten Arbeit. Die Formen sitzen, die unregelmäßigen Verben stimmen, und trotzdem ist die Hälfte der Zeitformen falsch gewählt. Das ist im engeren Sinn kein Grammatikfehler. Es ist eine Zuordnung, die nie eigens gelernt wurde, und Zuordnen lässt sich gezielt üben.
Die eine Frage, die simple past und present perfect trennt
Sie lautet nicht, wie lange etwas her ist. Sie lautet: Ist der Zeitraum, in dem es passiert ist, vorbei?
Abgeschlossener Zeitraum: simple past
Gestern, letzte Woche, im Sommer, 2019, als ich zehn war. In diesen Zeiträumen kann nichts mehr geschehen, sie sind zu. Was darin passiert ist, steht im simple past, und dabei ist gleichgültig, ob es drei Tage oder dreißig Jahre her ist. Auch ein Ereignis von heute Morgen steht abends im simple past, weil der Morgen dann vorbei ist.
Zeitraum, der bis jetzt reicht: present perfect
Heute, diese Woche, dieses Jahr, in meinem Leben, seit einem bestimmten Punkt. In diesen Zeiträumen ist noch etwas möglich. I have seen three films this week sagt nebenbei mit: die Woche läuft noch, es können mehr werden. Deshalb gehören auch ever, never und so far hierher, denn sie meinen den Zeitraum bis jetzt.
Daraus folgt die Regel, die den häufigsten Fehler deutscher Lernender erklärt. Zu einem present perfect gehört nie eine genannte, abgeschlossene Zeit. I have seen him yesterday ist nicht deshalb falsch, weil die Form falsch gebildet wäre, sondern weil die beiden Hälften des Satzes einander widersprechen.
Warum Signalwörter nur halb funktionieren
Die Listen stimmen: yesterday, last, ago und in 1999 auf der einen Seite, since, for, already, yet und just auf der anderen. Sie sind aber nicht der Grund, sondern die Folge. Diese Wörter stehen auf ihrer Liste, weil sie einen abgeschlossenen oder einen offenen Zeitraum benennen. Wer nur die Liste lernt, steht bei jedem Satz ohne Signalwort wieder am Anfang.
Der Beweis dafür ist this morning. Um elf Uhr gesagt gehört es auf die zweite Liste, um acht Uhr abends auf die erste. Dasselbe Wort, andere Zeitform, weil sich die Situation geändert hat und nicht die Vokabel.
Die Verlaufsform: was lief und was dazwischenkam
Die Endung ing heißt immer dasselbe: mittendrin. Im past progressive beschreibt sie den Hintergrund, das simple past nennt das Ereignis, das hineinschneidet. I was walking home when it started to rain. Zwei Vorgänge, zwei Rollen, und die Rollen sind nicht vertauschbar.
Dieselbe Logik gilt für das present perfect progressive. I have been waiting for two hours betont, dass das Warten die ganze Zeit gelaufen ist und vermutlich noch läuft. I have waited betont, dass es vorbei ist. Beides ist möglich, und die Wahl folgt wieder der Situation.
since und for
Since nennt einen Punkt, for eine Dauer. Since Monday, since 2019, since I was ten. For two hours, for three years, for a long time. Im Deutschen steht in beiden Fällen seit, und genau deshalb werden die zwei Wörter so zuverlässig vertauscht. Wer sich einmal klarmacht, dass since auf den Kalender zeigt und for auf die Stoppuhr, verwechselt sie nicht mehr.
Die Zukunft, die es dreimal gibt
Auch hier hat das Deutsche nur eine Form, und meistens nicht einmal die: morgen fahre ich nach Köln steht im Präsens. Das Englische unterscheidet, und zwar danach, woher die Aussage kommt.
- going to: der Plan stand schon vorher fest, oder es gibt gerade jetzt einen sichtbaren Hinweis. Look at those clouds, it is going to rain.
- will: die Entscheidung fällt in diesem Moment, oder es ist eine Vorhersage, ein Versprechen, ein Angebot. I will help you.
- present progressive: ein fester Termin mit Zeit und Ort, meist schon verabredet. I am meeting her at six.
Die drei sind nicht beliebig austauschbar, aber sie sind auch keine Falle. Wer im Zweifel fragt, ob der Plan alt oder neu ist, liegt fast immer richtig.
Wie man das übt, ohne Lückentexte
Lückentexte trainieren das Ausfüllen von Lücken. Sie verraten die richtige Zeitform oft schon durch das Signalwort daneben, und deshalb kann man sie fehlerfrei bearbeiten, ohne etwas verstanden zu haben. Wirksamer sind Übungen, die eine Entscheidung verlangen.
- Sortieren statt einsetzen: zwanzig fertige Sätze, zwei Stapel, und zu jedem Satz eine Begründung in fünf Wörtern.
- Die eigene Woche erzählen, laut, drei Minuten lang. Beim Sprechen fällt die Entscheidung ständig und ohne Bedenkzeit.
- Paare bilden und den Unterschied benennen: I lost my key gegen I have lost my key. Der zweite Satz sagt mit, dass der Schlüssel jetzt fehlt.
- In der zurückgegebenen Arbeit jeden angestrichenen Fehler nicht nur verbessern, sondern in einem Satz begründen. Das dauert länger und bleibt länger.
Die Frage dabei ist immer dieselbe, und sie lautet nicht, was der Satz auf Deutsch heißt. Sie lautet: Was ist hier eigentlich die Situation?
Wann es an etwas anderem liegt
Wenn nur die unregelmäßigen Verbformen fehlen, ist das keine Verständnisfrage, sondern Auswendigarbeit. Fünfzehn Minuten am Tag über drei Wochen, mit Abfragen statt Durchlesen, und die Sache ist erledigt. Dafür braucht niemand ein Institut, und wer trotzdem eines bezahlt, bezahlt für etwas, das das Kind ohnehin selbst tun muss.
Wenn Ihr Kind zu Hause in Ruhe richtig zuordnet und in der Arbeit trotzdem danebenliegt, ist die Grammatik nicht die Baustelle. Dann geht es um Zeit, um Anspannung oder um die Reihenfolge, in der die Aufgaben bearbeitet werden.
Und wenn schon der Text nicht verstanden wird, in dem die Zeitformen stehen, dann liegt es am Wortschatz und am Lesen. Das ist die mühsamere Baustelle, aber die ehrlichere, und Grammatikstunden gehen an ihr vorbei.